Ein Workshop in Seoul

Künstlerisch-wissenschaftlicher Mitarbeiter der TU Braunschweig und sculpture network Koordinator Michael Zwingmann hält Upcycling-Workshop in Seoul, Südkorea

Als ich mit meiner Familie im letzten Jahr eine Reise nach Südkorea plante, überlegten wir bereits was unseren Aufenthalt - außer Freunde und Verwandte zu treffen und uns kulinarischen Genüssen hinzugeben - noch bereichern könnte. Als langjähriger künstlerisch-wissenschaftlicher Mitarbeiter hatte ich einst an der Unterzeichnung eines Kooperationsvertrages zwischen der TU Braunschweig und der Soongsil University in Seoul unterstützend mitgewirkt. Dieser ermöglicht seither die Mobilität und den Austausch von Studierenden beider Institutionen. Also ließ ich ein wenig meine Kontakte spielen und wandte mich an eine koreanische Professorin für Innenarchitektur, die unser Institut für Architekturbezogene Kunst bereits wiederholt mit Studierenden für eine Werkwoche besucht hatte. Sie lud uns ein einen Gastvortrag mit anschließendem Workshop zu halten. 

Michael Zwingmann beim Vortrag in der Soonsgil University in Seoul - Foto: Michael Zwingmann

Südkorea ist wirklich beeindruckend. Seit den 1960er Jahren hat sich das Land in rasantem Tempo zu einer der bedeutendsten Volkswirtschaften der Welt entwickelt und ist heute in einigen Technologiebranchen wie beispielsweise der Herstellung von Halbleitern, Mikrochips, Flachbildschirmen und Computern marktführend. Das Land gehört zu den dreißig bevölkerungsreichsten Staaten der Erde und die Hälfte der Einwohner Südkoreas lebt im Großraum der Hauptstadt Seoul. Die viertgrößte Stadt der Welt mit knapp 10 Millionen Einwohnern liegt inmitten einer beeindruckenden Landschaft. Im Zentrum der Stadt erhebt sich ein Berg, der selbst den höchsten Skyliner der Stadt noch überragt. Traditionelle Paläste stehen inmitten hochmoderner Architektur. Und besonders bei Nacht erstrahlt die Metropole und bringt all ihre Facetten zum Vorschein.

Foto: Michael Zwingmann

Das Thema für beide Veranstaltungen „Upcycling - a second life“ war bald gefunden. „Upcycling“ ist in der Kunst schon lange gängige Praxis. Man denke zum Beispiel an Kurt Schwitters, der vor etwa 100 Jahren Zeitungen und Fahrkarten in seinen Collagen verwendete und so Alltägliches in die Sphäre der Kunst „upcyclte“. 
Während beim Recycling die Materialien durch Zerkleinerung meist an Wert verlieren, verlängert Upcycling ihr Leben und erhöht - im besten Fall - den Wert.

"Verwandlung" Foto: Michael Zwingmann

Für den Workshop hatten wir das Unterthema „Verwandlung“ gewählt. Mit knapp drei Stunden war der Workshop sehr sportlich angelegt. So war es angeraten die Auswahl der Materialien frühzeitig zu beginnen, sodass zu Beginn alles direkt bereitgestellt werden konnte. Für den praktischen Teil entschieden wir uns dem Zufall bewusst Raum zu geben. Ausgehend vom Triadischen Ballett Oscar Schlemmers spielten wir zwei Musikstücke vor. Es waren aus „Bilder einer Ausstellung“ von Modest Mussorgsky das „Ballett der Küken in ihren Eierschalen“ und aus „Karneval der Tiere“ von Camille Saint-Saens der kurze Satz „Hühner und Hähne“. Im besten Fall sollte es gelingen parallel zu dem „Kostümbau“ einige Studierende eine kurze Choreografie entwickeln zu lassen. Diese Idee erwies sich am Ende jedoch als zu ambitioniert.

Ein Federkleid aus Regenschirmhüllen
Foto: Michael Zwingmann

Als interessantes Fundstück stellten sich Regenschirmhüllen aus einfachem Plastik heraus. Sie sollen verhindern, dass das Regenwasser sich auf dem Fußboden der Gebäude verteilt. Ich fand sie an einem Regentag zuhauf in Mülleimern in Geschäften und Hotels. Mit Luft aufgeblasen und zugeknotet entwickelten sie eine schöne Analogie zum Federkleid von Vögeln. Vieles blieb – nicht zuletzt wegen der Kürze der Zeit und aufgrund sprachlicher Barrieren - in einem spontanen, erfrischenden Anfangszustand, den ich gern hier und da vertieft hätte.

Dennoch war der Workshop für viele Studierende ein einzigartiges Erlebnis, verbunden mit der Erkenntnis, dass ein gutes künstlerisches Werk nicht von der Verwendung teurer Materialien abhängt. Eine gute Idee und die Fähigkeit sich von Materialien anregen zu lassen ist viel entscheidender als die Frage, ob es sich um neues oder bereits gebrauchtes Material handelt.

Kwanho Yuh und Michael Zwingmann
 

 
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